Die Kraft der Wahrnehmung – Schauen statt wissen

Bericht über den Ausstellungsbesuch Pas besoin d’un dessin, zu Deutsch: Urteilen Sie selbst!, im Musée d’art et d’histoire (MAH). Die Ausstellung dauert noch bis zum 19. Juni 2022

Farbpalette Saalmotto in der Ausstellung Urteilen Sie selbst! im MAH Genf © Musée d’art et d’histoire Genf, Foto: J. Gremaud

Neugierig durch einen Artikel in der FAZ von Stefan Trinks, völlig zufällig geliefert von meinem Google Feed, fuhr ich mit Mann und Teenager-Sohn an einem Februarwochenende nach Genf, um die Ausstellung Urteilen Sie selbst!, kuratiert von Jean-Hubert Martin, im Musee d’Art e d’Histoire (MAH) zu besichtigen. Die Idee, statt einer Sonderausstellung mit Leihgaben anderer Museen, die eigene Sammlung neu zu inszenieren, machte mich neugierig. 

Einblick in den Saal mit dem Motto Vom Kreuz zum Globus © Musée d’art et d’histoire Genf, Foto: J. Gremaud 

Schon im ersten Saal mit dem Titel Vom Kreuz zum Globus blieb mir der Mund vor Faszination offen stehen. Schauen, staunen, assoziieren. Ein Feuerwerk von Eindrücken und Querverbindungen zwischen den Exponaten prasselte auf mich ein, und ich kam kaum vorwärts. Immer wieder ging ich nochmal zurück, um eines der Objekte weiter vorne im Saal mit einem bereits gesehenen in Verbindung zu bringen. Kein Lesen. Nur Schauen. Welch wohltuende Abwechslung zu den üblicherweise mit langen erklärenden Texten begleiteten thematischen Ausstellungen eines Künstlers/einer Künstlerin, oder einer Epoche. 

Die ungewöhnliche Zusammenstellung von Gemälden, Textilien und anderen Kunstobjekten weckte in mir eine Neugierde für Werke, die ich vermutlich beim Durchschreiten einer Museumsgalerie auf der Jagd nach berühmten Namen, keines Blickes gewürdigt hätte. 

Jan Miense MOLENAER, Hochzeit im Dorf, um 1650 – 1655, Inv. 1873-0002 © MAH, Foto: R. Hanslmayr

So blieben meine Augen zum Beispiel an den drei Frauen im Gemälde Hochzeit im Dorf von Jan Miense Molenaer (1609/10-1668) hängen. Ihre Festtagskleider haben sie in der Taille hochgesteckt, darunter sind die bunten Unterkleider sichtbar. Die Mittlere schlägt die Augen nieder und schaut glückselig, im Haar trägt sie einen eleganten Kopfschmuck, der sie als Braut kennzeichnet. Die Gesichter ihrer zwei Brautjungfern sind fröhlich bewegt, ganz im Gegensatz zu den säuerlichen Grimassen des Bräutigams und seiner Begleiter, die, ebenfalls zu dritt, auf die Dreiergruppe zuschreiten. Was, so fragt man sich, ist da vorgefallen, dass der Gatte in spe so gar keine Freude an diesem Festtag empfindet? Hat man ihn zur Heirat genötigt? Die dörfliche Szene ist sehr lebhaft, fast karikaturesk, geschildert und die ausdrucksstarke Mimik der anwesenden Frauen und Männer vor der Kirche lässt einen werweissen, was sie einander wohl zuraunen, denken oder tuscheln. 

Ausgerechnet dieses unscheinbare Bild, von einem Künstler, den ich nicht kenne, aus einer Zeit, die mich eigentlich aus kunsthistorischer Sicht nicht besonders interessiert, hat genau die Neugierde nach dem vom Maler erzählten Ereignis in mir ausgelöst, die ganz am Anfang jeder Beschäftigung mit einem Kunstwerk stehen sollte, nämlich die simple Frage: Was sehe ich? Und nicht: Was schreibt xy über dieses Bild oder diese Skulptur. 

Jean Daniel IHLY, Der alte Trinker, 1898, Inv. 1953-0002 © MAH Foto: B. Jacot-Descombes
Félix VALLOTTON, Der Hass, 1908, Inv. BA 2001-0025 © MAH Foto: B. Jacot-Descombes

Viele weitere Begegnungen mit Gemälden in den 20 Sälen der Ausstellung, die jeweils einem Motto unterstellt sind, liessen sich hier genauer ausführen. Beispielsweise jene mit dem alten Trinker von Jean Daniel Ihly, der mit seinem Glas Absinth schief an der Wand hängt, oder das Innehalten vor dem kraftvollen Bild von Félix Vallotton, Der Hass, das ein Paar zeigt, das nur noch Abscheu füreinander übrig hat. Noch gar nicht erwähnt habe ich die Plastiken und anderen Objekte der Ausstellung, wie beispielsweise griechische Vasen, oder die zu einer Formenschlange angeordnete Gefässe verschiedener Gattungen aus unterschiedlichen Epochen im Raum Morphologie im oberen Stock. 

Hängung des Alten Trinkers in der Ausstellung
Foto: R. Hanslmayr
Blick in den Saal Morphologie Foto: R. Hanslmayr

Mit dem kaleidoskopartigen Arrangement von Objekten im letzten Raum der Galerie lasse ich meinen Rundgang enden – das Feuerwerk der Farbpalette (Abbildung ganz oben) explodiert hier auf der ganzen Länge des Saales und lädt noch einmal ein, die Welt der Dinge und der Kunstwerke miteinander zu verbinden und ohne zu werten, zu schauen und zu geniessen. 

Diese Ausstellung hat mich deshalb so fasziniert, weil man auf seinen eigenen Sehsinn zurückgeworfen wird und nicht auf seine Bildung. Das mag auch der Grund sein, warum mein Begleiter etwas abschätzig urteilte: „Es ist, als gäbe man einem zehnjährigen Kind den Auftrag, alle Besitztümer eines Museums nach seinem Gutdünken neu zu ordnen.“ Aber was soll daran so schlecht sein? Wissen wir doch alle, dass Kinder oft einen besseren Blick für das Wesentliche haben, als die Erwachsenen. Ausserdem haben Kinder Zeit. Und sie sind neugierig. Mehr braucht man nicht für die Schau Pas Besoin d’un dessin

Tipp: Ich empfehle die Ausstellung auch als Familienevent, den Waffensaal würde ich allerdings auslassen. Zu blutrünstig scheinen mir die Bilder von Judith und Holofernes bzw. von Salome mit dem Haupt des Täufers und die ausgestellte Guillotine. Dafür sind die Räume im oberen Stock mit den Themen Morphologie und Farbpalette eine visuelle Erlebniswelt für Kinder und Erwachsene. Aber Achtung, diese beiden Ausstellungsräume schliessen bereits am 24. April. Link zum Ausstellungsrundgang hier. (Für die Grundrisse mit den Raumnummern und den verschiedenen Motti ganz runter scrollen.) 

Informationen zur Ausstellung auf Website des Museums http://institutions.ville-geneve.ch/fr/mah/expositions-evenements/expositions/pas-besoin-dun-dessin/

Ich danke Sylvie Treglia-Detraz and Jesus Gonzalez vom MAH Genf für die Zurverfügungstellung von Abbildungen und Mayte Garcia Julliard, ebenfalls MAH Genf, für Informationen zum Bild „Hochzeit im Dorf“ von Jan Miense Molenaer.

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