Der QR Code als Feigenblatt  

Lokalaugenschein in der kontrovers diskutierten Ausstellung der Sammlung Bührle im Chipperfield-Bau des Kunsthaus Zürich.  Regina Hanslmayr im Februar 2022

Blick in den Saal mit Junger Frau in orientalischem Gewand von E. Manet, Foto: R. Hanslmayr
Chipperfield-Bau Kunsthaus Zürich, Gartenansicht, © Amt für Städtebau Zürich, Foto: J. Haller

Eins vorneweg: Der Erweiterungstrakt von David Chipperfield Architects ist wirklich gelungen und überzeugt mit einladenden, weiten Räumen und dem monumentalen Treppenhaus, in dem ganz zuoberst das kosmische Mobile von Alexander Calder schwebt. Die Signaletik mit den glänzenden Messing-Elementen auf Sichtbeton erinnert an den Erweiterungsbau des Landesmuseums (ebenfalls in Zürich), bei dem auf die gleiche Weise die dominanten Betonflächen von bronzenen Werkteilen und Beschilderungen unterbrochen werden. 

Mobile von A. Calder (Cinq blancs, un rouge, 1972) © Amt für Städtebau Zürich, Foto: J. Haller
Abgang Passage, © David Chipperfield Architects Foto: Noshe

Kaum war die Ausstellung der Sammlung Bührle in den neuen Räumen des Erweiterungsbaus im Oktober 2021 eröffnet, standen die Verantwortlichen in der Kritik, nur ungenügend auf die Ankaufsgeschichte der einzelnen Exponate hinzuweisen. Bei meinem Besuch will ich klären, ob und auf welche Art die Provenienz der hochkarätigen Gemälde, Zeichnungen und Skulpturen aus der Sammlung des Waffenindustriellen Emil Bührle aufgezeigt wird. 

Der Vorwurf, die Bilder und Skulpturen würden ohne hinreichende Dokumentation ihres Ankaufes ausgestellt, trifft nur auf den ersten Blick zu. In Wahrheit ist es viel zu viel Information! Es scheint mir eher so, als ob man die sprichwörtliche Nadel im Heuhaufen gut versteckt hat, oder, um eine geläufige Analogie aus dem Filmgenre der Justizdramen zu zitieren: Die eine Partei liefert der anderen so viel Material, dass man vor einem riesigen Aktenberg steht, ohne zu wissen, welches Dokument wirklich relevant ist. In der Sammlung Bührle übernimmt ein unscheinbarer QR Code diese Aufgabe.

Auguste Renoir, Die kleine Irene (1880), Kunsthaus Zürich, Foto: R. Hanslmayr

Konkret sieht das so aus: Neben jedem Exponat ist ein kleines Schild angebracht, auf dem die Fragen nach den drei Ws beantwortet werden:

  • Wer (hat es geschaffen?)
  • Was (oder wer ist dargestellt?)
  • Wann (wurde das Bild, die Zeichnung oder die Plastik hergestellt?)

Darunter steht der knappe Hinweis: „Sammlung Emil Bührle. Dauerleihgabe im Kunsthaus Zürich“. Die Dokumentation zur Herkunft des jeweiligen Objektes verbirgt sich im QR Code, der unter der Belschilderung aufgeklebt ist. 

Um also an die entsprechende Information zu gelangen, muss man den QR Code scannen, was zwingend voraussetzt, dass man ein Smartphone oder ein ähnliches Gerät mitführt. (Das mag für meine Leser:innen kein Problem sein, aber unter dem Publikum des Kunsthauses sind doch auch etliche Personen, die nicht über die entsprechenden Geräte oder die erforderlichen digital skills verfügen.) 

Als Beispiel wähle ich Die kleine Irene von Auguste Renoir. Ich scanne den QR Code mit meinem Smartphone und werde auf die Website der Stiftung Bührle weitergeleitet:

Unter dem Reiter „Provenienz“ kann man die Ankaufsgeschichte des jeweiligen Werkes nachlesen. Das ist mühsam. Viel zu viel Information. Beim dritten QR Code gebe ich auf. Ich will mir doch den Genuss der wunderbaren Bilder nicht von minutiös aufgelisteten An- und Verkaufsdokumenten vermiesen lassen. 

Und genau das ist auch mein Vorwurf an die Präsentation der Meisterwerke der Sammlung Bührle im neuen Chipperfield-Bau: Der ästhetische Genuss der Besucher:innen steht im Vordergrund der Ausstellung und nicht die historisch relevanten Fakten zur Entstehung der Sammlung.  

Wer unbedingt will, kann sich die Informationen, wie das jeweilige Kunstwerk in die Sammlung gelangte, wann es angekauft wurde und ob es sich bei einem Objekt eventuell um Fluchtkunst oder gar um Raubkunst handelt, zwar beschaffen, aber es wurde so weit wie möglich versucht, die Sammlungsgeschichte zu abstrahieren.

Dokumentationsraum in der Sammlung Emil Bührle © Kunsthaus Zürich, Foto: Franca Candrian

Der QR Code als eierlegende Wollmilchsau: Die Information ist abrufbar, aber kann leicht ausgeblendet werden, damit man nicht dauernd die unangenehme Wahrheit vor Augen hat, dass die hochkarätige Sammlung von Meisterwerken, die man nun im Kunsthaus Zürich bewundern kann, ohne die enormen Gewinne aus dem Verkauf von Waffensystemen, nicht nur im 2. Weltkrieg, sondern darüber hinaus, nicht denkbar wäre. Aber Emil Bührle, bzw. seine Nachfolger:innen und alle, die mit der Sammlung assoziiert waren und sind, als Übeltäter:innen zu brandmarken, ist auf moralischer Ebene etwa so zu bewerten, wie der alte biblische Brauch einen symbolischen Sündenbock in die Wüste zu schicken. Der Schweizer Staat hat die Waffenexporte abgesegnet und die Stadt Zürich hat die finanziellen Zuwendungen der Maschinefabrik Oerlikon gerne angenommen. 

Wie so oft reicht es nicht, einen einzelnen Mensch für das geschehene Unrecht verantwortlich zu machen. Die Politik hat die Voraussetzungen geschaffen dafür, dass ein Mann durch den Export von Waffen in kriegführende Länder so reich werden konnte. Einen Teil dieser eben skizzierten Zusammenhänge von Entrepreneurtum und persönlicher Neigung mit dem gesellschaftlichen und politischen Umfeld seiner Zeit liest man auf grossen Texttafeln im Dokumentationsraum. Hier erfährt man, wer Emil Bührle war, wie seine Sammlung entstanden ist und wie die Gewinne seiner Firma, der MFO Oerlikon, durch die Waffenexporte ins Unermessliche stiegen. Man muss sich aber Zeit nehmen dafür und das ist angesichts der Meisterwerke von Renoir, Degas, Toulouse-Lautrec, Manet, Monet usw. die im nächsten Saal auf die Ausstellungbesucher:innen warten nicht unbedingt leicht. 

Darum schlage ich vor, dass man den Dokumentationsraum auflöst und die darin zusammengestellten und verständlich präsentierten Informationen zur Genese der Sammlung unmittelbar neben den Meisterwerken anbringt. Dafür gibt es unterschiedliche Lösungen. Man könnte beispielsweise in jedem Saal einen Aspekt der Sammlertätigkeit von Emil Bührle herausgreifen und als Text mit Bildern oder/und als Audiodokument den Besucher:innen zugänglich machen. Die historische Einordnung der hochkarätigen Bilder und der Person Bührle, sowie die Verquickung mit den politischen Ereignissen seiner Zeit, muss aber ebenso hoch gewichtet werden, wie der ästhetische Genuss der Kunstwerke, die in den neuen Räumen des Chipperfieldbaus wirklich ganz ausgezeichnet präsentiert sind.

Ausserdem würde ich mir wünschen, dass an einigen Exponaten exemplarisch aufgezeigt wird, mit welchen Problemen die Provenenienzforschung konfrontiert ist. Mir persönlich bringt die durch den QR Code abrufbare Auflistung der Besitzer:innen eines Kunstwerkes von der Entstehung des Objektes bis zu seinem Ankauf durch Emil Bührle wenig Einsicht in die Problematik der Raub- und Fluchtkunst. Was bedeutet es beispielsweise, wenn ein Bild durch den Reichsleiter Rosenberg beschlagnahmt und an Göring übergeben wurde, nach dem Krieg restituiert und dann 1949 an Emil Bührle verkauft wurde? Wie ist der Weg des Gemäldes Junge Frau in orientalischem Gewand von Edouard Manet, das über den Kunsthandel in Paris und New York in den Besitz des Kunsthändlers Paul Rosenberg kam, von dem es Emil Bührle kaufte, zu verstehen? Mir sagen die meisten Namen nichts und mit den Preisen und Details der An- und Verkäufe kann ich wenig anfangen, hier wären weniger Angaben, die dafür aber historisch eingeordnet sind, zielführender.

Als Fazit meines Ausstellungsbesuches halte ich fest, dass ich hin und hergerissen bin, zwischen der Freude, die mir das Betrachten der lange für eine breite Öffentlichkeit unzugänglichen Bilder in den neuen hellen und grosszügigen Ausstellungsräumen bereitet und der Enttäuschung über die mutlose Präsentation nach ästhetischen Gesichtspunkten dieser ohne Zweifel hochkarätigen, aber eben auch historisch und moralisch äusserst problematischen Sammlung.

Meiner Meinung nach müssten die Stadt Zürich und das Kunsthaus eine Synthese finden, zwischen der wirtschaftlichen Vermarktung dieses neuen Zugpferdes für den Tourismus, die momentan klar im Vordergrund steht, und ihrer institutionellen Verantwortung für eine angemessene museumspädagogisch aufbereitete und allgemein verständlichen Einordnung, warum diese Meisterwerke am Standort Zürich zu bestaunen sind und mit welchen Mitteln sie erworben wurden.

Höhr-Empfehlungen zum Thema:

Update 27. Februar. 2022: Ich habe meinen Text auch der Medienabteilung des Kunsthauses zugestellt und umgehend eine sehr wertschätzende und ausführliche Email erhalten, deren wichtigste Informationen ich hier nachtragen möchte.

Demnächst wird im Kunsthaus eine Broschüre erhältlich sein, die anhand von 20 ausgewählten Werken die Biografien der Vorbesitzerinnen und Vorbesitzer sowie die Umstände, unter denen der Handwechsel zu Emil Georg Bührle erfolgte, in den Mittelpunkt stellt.

Ausserdem werden noch das Digitorial zur Sammlung Emil Bührle im Kunsthaus und der Museumscheck auf 3-Sat für eine weitere Beschäftigung mit dem Thema empfohlen.

Ich danke Juliet Haller vom Amt für Städtebau Zürich, Andreas Gehrke von Noshe Berlin und dem Kunsthaus Zürich für die Zustellung von Bildern und die Erlaubnis, diese hier reproduzieren zur dürfen.

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